Gerhard Zwerenz[1]
Fahnen und Katzen
Am Nachmittag klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich öffnete. Zwei Katzen kamen herein und pflanzten eine Fahne auf meine Schreibmaschine. Ich gab zu bedenken, daß ich neutral sei. Sie knurrten unwillig. Die eine Katze, die ein Kater war, griff in die Hosentasche und holte noch eine zweite Fahne hervor.
„Bei Neutralen machen wir es immer so!“ sagte die Katze, die ein Kater war. Ich schwieg bedrückt. Natürlich wurde es mit dem Schreiben immer schwieriger. Manchmal verfingen sich die Tasten im Fahnentuch. Da klingelte es gleich, und eine der diensttuenden Katzen erschien und wies mich zurecht. Eine Zeitlang versuchte ich es mit einer zweiten Schreibmaschine. Aber da fragten die Katzen drohend durchs Telefon, warum ich nicht die andere Schreibmaschine mit den Fahnen benutzte. Ich beteuerte, keine Feindschaft gegen Katzen und Fahnen zu empfinden. Das entsprach den Tatsachen. Nur ist unsere Wohnung etwas zugig, hin und wieder erhebt sich ein Wind, und dann schlagen mir die Fahnentücher ins Gesicht. Für diesen Fall haben die Katzen auf meinem Schreibtisch einen großen Spiegel angebracht. Hinter meinem Rücken befindet sich auch ein Spiegel, der so montiert ist, daß sich in ihm genau das widerspiegelt, was sich in dem vor mir angebrachten Spiegel spiegelt - mein Gesicht nämlich. Die Reihe der Spiegel ist damit noch nicht zu Ende. Sie setzt sich durch die Tür fort, die Treppe hinab in den Keller. Dort unten sitzt immer eine diensttuende Katze vor dem letzten Spiegel. Wenn mir durch den Wind, der häufig durch unsere Wohnung weht, das Fahnentuch ins Gesicht schlägt und ich dabei den Mund verziehe, läuten die Katzen gleich an und fragen, ob ich etwas gegen sie hätte. Nein, sage ich dann, weiter sage ich nichts. Anfangs redete ich mich auf Zahnschmerzen heraus, doch da schickten sie mir umgehend eine große Katze, die Zahnmedizin studiert hatte. In wenigen Wochen wurde ich alle Zähne los. „Zahnschmerzen haben Sie wohl nicht mehr - oder?“ knurrten die Katzen nun durch Telefon, und ich verneinte freudig. „Tut Ihnen sonst was weh?“ Ich schüttelte lachend den Kopf und sagte: „Ich bin in glänzender Verfassung, ich unterhalte mich ausgezeichnet, ich bin Ihnen so dankbar.“
Eines Tages kam mir eine gute Idee. Ich rief die Katzen an und bat, man möge mir ein ganzes Dutzend Fahnen auf die Schreibmaschine pflanzen. „Sie werden noch ein großer Patriot!“ knurrten die Katzen und schickten mir sofort ein Rudel ganz junger Nachwuchstiere. Ich war es sehr zufrieden. In meinem Wald von Fahnen versteckt, konnte ich mich so einigermaßen sicher fühlen. Auch war mein Gesicht nun in dem vor mir angebrachten Spiegel nicht mehr zu sehen, weil die Fahnen dazwischen wehten.
Leider ging das nicht lange gut. Die im Keller diensthabende Aufsichtskatze beschwerte sich sofort, sie könne mich nicht ausreichend beobachten. Nun rücken sie die Fahnen auf der Schreibmaschine in der Mitte auseinander. Ich nicke dazu mit dem Kopf, lächle stolz in den endlich wieder sichtbar gewordenen Spiegel und schreibe lustig im Zehnfingersystem:
LANG LEBEN ALLE KATZEN
Text aus: Gerhard Zwerenz: Nicht alles gefallen lassen, Frankfurt 1972
[1] G. Zwerenz, geb. 1925 im Vogtland, gelernter Kupferschmied, seit 1942 Soldat, 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen, Volkspolizist in Zwickau; 1952 Beginn des Philosophiestudiums bei Ernst Bloch; gehörte der antistalinistischen Opposition an; 1957 Flucht nach West-Berlin, danach freier Schriftsteller in Frankfurt.



lm Jahr 1968 war die unmittelbare Nachkriegszeit in der Bundesrepublik Deutschland zu Ende. Die Menschen hatten sich in ihrem Staat eingerichtet, manche lebten in Wohlstand, die Wirtschaft boomte. Für die Jungen war das eine Selbstverständlichkeit, sie begannen die kapitalistische Wirtschaftsform kritisch zu hinterfragen. Sie lehnten oft eine luxuriöse Lebensführung ab, kritisierten das Karrierestreben der Elterngeneration und fragten nach den eigenen geschichtlichen Wurzeln. Außerdem kritisierten sie die enge Bindung Westdeutschlands an die USA, die Verdrängung der deutschen Schuld aus der Zeit des Nationalsozialismus und die Restauration der Adenauer-Zeit. lm Umfeld der APO-Bewegung sammelten sich die meisten jungen, politisch denkenden Menschen, unter ihnen viele Schriftsteller.
Folgende literarische Strömungen lebten aus der Zeit vor 1968 fort oder entstanden nach 1968 neu: - Die sozialkritische Literatur: Die politische Opposition vieler Autoren zur ,,Großen Koalition" unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) brachte eine Vielzahl an gesellschaftskritischen Werken hervor, in denen der Zustand der Bundesrepublik Deutschland beschrieben wurde. Beispiele dafür sind: Max von der Grün (,,Stellenweise Glatteis", 1973), Heinrich Boll (,,Gruppenbild mit Dame”, 1971 und ,,Die verlorene Ehre der Katharina Blum", 1974). - Als neue Gattung entstand das so genannte ,,neue Volksstück”, das sozialkritische Themen behandelte. Beispiele: Martin Sperr (,,]agdszenen aus Niederbayern", 1967), Franz Xaver Kroetz (,,Stallerhof", 1972, ,,0ber6sterreich”, 1972 ,,Mensch Meier”, 1978). - Auch die Anfänge der ideologiekritischen Lyrik fallen in die Jahre nach 1968. Wichtige Autoren sind Franz Josef Degenhardt, Rolf Dieter Brinkmann und Erich Fried.
- Schon ab 1975 entstand mit der ,,Neuen Subjektivität” eine literarische Strömung, deren Anliegen nicht mehr primär die politische Wirkung war. Viele Autoren rückten das Individuum und seine subjektiven Erfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Werke, der gesellschaftspolitische Bezug war dadurch meist immer noch gegeben. Beispiele: Peter Schneider (,,Lenz”, 1973), Karin Struck (,,K|assenliebe",1973), Botho Strauß (,,Die Widmung", 1978) und Max Frisch
(,,Der Mensch erscheint im Holozän”, 1979).
- lm Zusammenhang mit der ,,Neuen Subjektivität” erfuhren auch Formen des autobiografischen Schreibens eine Renaissance, da manche Schriftsteller ihren Standort bestimmen und das Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt ausloten wollten. Beispiele sind Gunter Grass (,,Aus dem Tagebuch einer Schnecke”, 1972), Max Frisch (,,Montauk", 1975) und Peter Härtling (,,Nachgetragene Liebe", 1986). '
- Mit der Emanzipationsbewegung der ,,68er" entstand eine neue Frauenliteratur. Zwei Themenbereiche lassen sich dabei erkennen: Zum einen die Suche nach der eigenen Identität, zum anderen die Kritik an den bestehenden autoritär- patriarchalischen Verhältnissen. Beispiele: Brigitte Schwaiger (,,Wie kommt das Salz ins Meer”, 1977) und Christa Reinig (,,Entmannung", 1976), Helga M. Novak (,,Die Eisheiligen", 1979), Luise Rinser (,,Den Wolf umarmen", 1981).
- Seit den 80er-Jahren findet man in Deutschland Romane, die der Postmoderne, einer amerikanischen Strömung seit 1968, verbunden sind. Die Autoren der Postmoderne zielen mit ihren Werken auf die mehrfachen Rezeptionsmöglichkeiten von Literatur. Mittel dazu sind die Aufhebung von realen Zeitmustern und Ortsvorstellungen, die Darstellung von Ungleichzeitigem, lntertextualität (also das Spiel mit der literarischen Tradition), Abkehr von einem vordergründigen Realismus sowie die Dekonstruktion des Subjekts. Beispiele: Max Frisch (,,Mein Name sei Ganten- bein",196li), Christa Wolf (,,Kassandra", 1983), Patrick Sijskind (,,Das Parfum", 1985), Christoph Ransmayr (,,Die letzte Welt" 1988) sowie Michael Köhlmeier (,,Telemach", 1995).
(aus: KLETT, LERNEN UND WISSEN, Stuttgart 2007)